6. Anweisung zu beten, 1695

379

Schätze der göttlichen Weißheit und seiner verborgenen Wohlthaten eröffnen / und dich zu vielem Gebet / Lob und Danck GOttes erwecken wird.

XI.

So offt du nur innen wirst / daß dir Gott Gnade (466) im Gebet verliehen / oder mit einer besondern Gabe dich erqvicket / oder einer besondern Gewehrung / deßen / was du gebeten / gewürdiget / so siehe wohl zu / daß du nicht versäumest / Gott dem HErrn innig­lich dafür zu dancken / (467) und zwar nicht allein mit Worten / sondern mit der That und Wahrheit / daß dir solches eine Anreitzung sey / im Glauben Liebe und Gedult desto beständiger zu verharren / und weder das Lob GOttes / wo es nöthig ist / darüber zu verschweigen / noch deinen eigenen Ruhm darunter zu suchen / und dein Gebet hinführo desto einfältiger im Glau(468)hcn auff das lautere Wort GOttes / und dessen Befehl / und gnädige Verheissung in CHristo JEsu und seinem theuren Verdienste zu gründen. Denn dieser Grund ist allein feste und unwanckelbahr / und mag bestehen wieder alle Anfechtung / auch wieder die Pforten der Höllen.

XII.

Meine ja nicht (469) daß die hohen Stuffen des Gebets in besonderen j außerordent­lichen und übernatürlichen Gaben allein bestehen / dahin du leicht fallen köntest / wenn du hörest / was von dem mündlichen / innerlichen / und übernatürlichem Gebet von erfahrnen Gottes-Gelehrten geref470Jdet wird; sondern / damit du recht begreif­fest / was hohe gradus oder Stuffen im Gebet sind / so mustu bedencken / daß Glaube / Liebe und Hoffnung / die drey Grundseulen sind des gantzen Christenthums / wie wir zu erkennen haben aus 1. Corinth. XIII,13. Je mehr nun diese in dir befestiget wer­den / je stärcker wir^ 471 Jstu auch im Gebet. Daher ist es eine hohe Stuffe des Ge­bets / wann der Glaube in einer Helden-Krafft stehet / daß er auffs aller gewisseste und unbeweglichste ergreiffet die Gnade GOttes in CHristo JESU /und sich ohne allem Zweiffel zu Gott als seinem lieben Vater versiehet / daß sein Gebet GOtt im Himmel angenehm und erhöret sey / und (472) ihm unfehlbarlich alles dasjenige vollenkom- mentlich werde widerfahren / was er von seinem Vater in solcher gläubigen Zuver­sicht gebeten. Denn wenn es heisset: 0 Weib dein Glaube ist groß! so heisset es auch: Dir geschehe wie du gegläubet hast. 11 Und Christus spricht zu seinen (473) Jüngern Matth. XXI, vers.22. Alles was ihr bitten werdet im Gebet / glaubet nur / so werdet ihrs empfahen. Desgleichen ist es eine hohe Stuffe des Gebets / wenn die Erhörung für Menschen Augen zurücke bleibet / und die Verheissung verziehet / und der Mensch dennoch den Ancker (474) der Hoffnung nicht fahren lässet / sondern daran feste hält / und hoffet / da nichts zu hoffen ist / und weiß auffs aller gewisseste / das / was Gott zugesaget habe / das könne und wolle er auch thun. Da wird das Gebet durch viele Trübsahl und Anfechtung geleutert / und durch solche Leuterung als das Gold bewehret / und zu einer grossen Lauter^ 475) keit und Reinigkeit / welche sich in eine stille Gelassenheit in den göttlichen Willen ergiebet / je mehr und mehr erhoben / und denn zeiget sichs / daß solche Hoffnung nicht zu Schanden werden lässet. Rom. V, vers. 5. Weil aber die Liebe das größeste ist unter diesen dreyen / nach der Außage Pauli / so stehet auch die höchste Stuffe des Gebets in der (476) Überschwenglichkeit der Liebe. Daher auch der seelige Johann Arndt gar fein in den oben angezogenen Worten dieses als die höchste Stuffe des Gebets angezeiget / da alle Kräffte der Seelen

11 Matth. 15,28.