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VII. Schriften zur Lebensführung

gleichsam in die Liebe gezogen werden. Da ergreifft der Mensch nicht nur die Sache / (477) um welche er bittet / sondern er umgreiffet und umarmet GOtt selbst mit allen seinen Gaben / und versencket sich in seine Fülle / und in allen Reichthum seiner Güter / als ein Erbe und Mitgenosse seines Reichs und seiner Herrlichkeit / und weil die Liebe GOttes ausgegossen ist in sein Hertz / und sich in einer wahr­haftigen Gegen-Liebe auffs (478) lieblichste spiegelt / so ist Glaube und Hoffnung in solchem Gebet zugleich erhoben / und erwecken alle drey Friede und Freude in dem heiligen Geist / und lauter Lob / Preiß und Danck für die unendliche Gnade und Barmhertzigkeit GOttes. Darum strebe nach den edelsten Gaben / so werden dir die andern alle zufallen. Denn wo Glaube / Liebe (479) und Hoffnung in dir befestiget wird / so wirst du dann auch recht erkennen / wie du mit andern Gaben / deren du im Gebet etwan innen wirst / wenn du besondere Krafft zu beten findest / recht umgehen solst / derselben in Demuth warzunehmen / und nicht aus Hoffart / Eigenliebe / und Vermessenheit nach demjenigen zu streben / darinnen du (480) zwar grossen Trost finden möchtest / aber im Grunde erkennen wirst / daß es nicht als ein wesentliches Stück zum Gebet gehöre.

Diese Reguln mögen für dieses mahl genung seyn / einige Anleitung zum bestän­digen Wachsthum im Gebet zu geben / dabey ich doch allezeit erkenne / daß weder der da pflantzet / noch der da begiesset / etf 481 jwas ist / sondern allein der / der das Gedeyen darzu giebet / alles thut aus Gnaden und aus Barmhertzigkeit. Der Be­schluß nun eines jeglichen wahrhafftigen Gebets ist das Amen / das ist / eine gewisse und feste Versicherung der gnädigen Erhörung / darum es denn auch einem recht­schaffenen Beter fümemlich zu thun ist / daher auch Luf482J therus gar fein er­innert / daß man ja für allen Dingen Zusehen solle / daß man ein rechtes gläubiges und zuversichtliches Amen spreche / ehe man auffhört zu beten. 12 Und von dieser Sache / nemlich von der Gewißheit und Versicherung der gnädigen Erhörung des (483) Ge­bets / war mein Fürhaben / in einem besondern Capitel ausführlich zu handeln. Weil mir aber die bishero ausgeführten Materien unter der Hand etwas weitläufftig worden / wil ich für diesesmahl dem Leser recommendiret haben ein Büchlein / welches herauskommen unter dem Titul: Reditusprecationum (484) oder Wiederkunfft des Gebets aus dem Himmel / d. i. göttliche Antwort und Erhörung des Gebets aus Ps. LXXXV, v.9. Ach daß ich hören solte / daß GOtt der HErr redet etc. Vormahls in Engelländischer Spra(485) che beschrieben von Thoma Goodwin, 13 aus dem Lateinischen verteutschet von Baltarsar Köpken 14 Pfarh. zuFehr-Bellin / Franckfurt. 1693. in welchem Büchlein ein jeglicher reiche Erbauung finden wird. Im übrigen wird auch diesem Tractätlein angefü (486) get werden ein ausbündig schönes Responsum der Theolo­gischen Facultät auff der Hoch-Fürstl. Hollsteinischen Universität / KIEL, darinnen insonderheit die dahin gehende Materien gar herrlich aus der Heil. Schlifft deduciret werden / wiewohl man auch dabey die übrigen (487) nicht eigentlich dahin gehören­den Fragen mit Fleiß wollen stehen lassen / weil man Bedencken getragen / ein solch erbauliches Responsum verstümmelt heraus zugeben. 15 Ich habe also nur noch übrig /

12 Vgl. Auslegung deutsch des Vaterunsers für die einfältigen Laien, 1519 (WA 2, 127). u Th. Goodwin, Reditus Precationum, oder Wiederkunft des Gebets aus dem Himmel / Das ist: Göttliche Antwort und Erhörung des Gebets, Fra nkf urt 1693. Zu Goodwin vgl. vorl. Ausg., S. 185.

14 Balthasar Köpke (16461711), Pfarrer in Fehrbellin, ein Freund Speners und Franckes. Er gab eine Reihe von Schriften und Übersetzungen englischer Autoren heraus.

15 WWD III, 99ff. (vgl. Kramer, Beiträge, S.162, 330ff.).