7. Vom weltüblichen Tanzen, 1697
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liehe Krätze und andere dergleichen Unreinigkeit leichter weggenommen werden kan. Es hat aber die Welt diesen Brauch / daß sie immer gern von diesen Dingen zu reden anhebet / umb sich darinnen zu rechtfertigen / da sie wohl freylich erst darnach fragen solten / wie sie einen rechtschaffenen Grund der Buße legen möchten. Wann sie nun fragen / so wollen sie auch / daß man ihnen antworte / und dürffen sich (a 3 a ) dann nicht beschweren / daß man von äußerlichen Dingen rede / dieweil sie selbst in solchen Fragen seuchtig seyn. Es ist aber auch zu wissen / daß nicht allein von nöthen sey den Menschen insgemein zur Buße zu ermahnen / sondern man müsse ihm auch treulich diejenigen Hinderniße anzeigen / welche ihn aufhalten / daß er zu einer wahren rechtschaffenen Buße nicht gelangen kan. Denn so lange solche Hindernisse bleiben / so lange kan die Warheit nicht bey ihnen hafften. Zum Exempel / wie ist es müglich / daß Hoff- und Staats-Leute / so wie sie insgemein sind / zu einem rechtschaffenen Christenthum gelangen / wenn sie ihre gewöhnliche Lebens-Art nicht ändern wollen / sondern frühe fein lange schlaffen / darnach mit putzen und schmücken die Zeit hinbringen biß zur Mahlzeit / dann den Magen wohl füllen / nach Mittage Visiten geben oder annehmen / dabey unnützes Geschwätz treiben / oder allerley Lustbarkeiten suchen / und so ferner. Wie können solche Leute einmahl recht nüchtern werden / zu sorgen für ihre Sünde / und ihre arme Seele recht zu bedencken? Da ist gewiß nöthig / daß man ihnen solche Hinderniße anzeige / und wenn sie tausendmahl einwenden sollten / daß es lauter indifferente Dinge wären / und sie thäten nichts Böses dabey. Denn das ist schon Böses gnug thun / wenn man nicht gutes thut /und die Zeit verlieret / daran die Ewigkeit hanget. Dieweil auch rechtschaffene Kinder GOttes / die an der Eitelkeit der Welt einen Eckel haben / mit mancherley Schein- Gründen von der Welt herumgetrieben werden / als welche so gar mit den Sprüchen heiliger Schrifft ihr heuchlerisches Wesen verkleistert / solche aber / ob sie wohl sich von ihrem lauteren Grunde nicht abführen lassen / sich doch nicht allezeit geschickt befinden allen Einwürffen und Schein-Gründen zu begegnen / so ist auch vor solche erbaulich und nützlich / daß dergleichen Materien gründlich ausgeführet werden / damit sie lernen / wie sie den Widersprechern antworten sollen. Umb dieser Ursachen willen hat michs umb desto mehr erfreuet / da zwey rechtschaffene und in öffentlichen Aemtern wohl verdienende Leute / denen es an guter Gelehrsamkeit und Erfahrung im Christenthum nicht mangelt / die Materie vom Tantzen insonderheit vorgenommen / und dieselbe also ausgearbeitet / daß ein jeder unpassionirter Leser ein völliges Vergnügen daran haben kan / und zwar (a 3 b ) umb desto mehr / dieweil vor weniger Zeit eine Charteque vom Tantzen / wie solches GOTT nicht mißfällig sey 2 heraus kommen / welche in dem einen Tractat gründlich und ausführlich widerleget wird. Deswegen ich dann auch diese beyden erbaulichen Schrifften zum öffentlichen Druck zu befördern kein Bedencken getragen /• der gewißen Zuversicht / daß der Nähme unseres GOttes / und das rechtschaffene Wesen / das in JEsu ist / dadurch werde verherrlichet werden. Die Autores selbst werden auf Nachfrage nicht das geringste Bedencken tragen sich zu diesen Tractaten zu bekennen / ob sie wohl ihre Ursachen haben mögen / auf den Titul ihre Namen nicht setzen zu lassen. 2 3
2 Die Schrift erschien 1696 in Langensalza und nimmt auf die in den pietistischen Streitigkeiten in Gotha 1692 ff. von den dortigen Vertretern des Pietismus abgelegten Bekenntnisse Bezug. Der Verfasser und der genaue Titel der Schrift konnten nicht ermittelt werden.
3 Die Verfasser waren Johann Hieronymus Wiegleb (1664—1730), nach dem Studium der Theologie in Jena und Halle seit 1692 Subkonrektor am Gymnasium in Gotha, und Johann Conrad Keßler (f 1720), nach dem Studium der Theologie in Leipzig 1692 mit Wiegleb zusammen in die pietistischen Streitigkeiten in Gotha verwickelt. Keßler wurde später Konrektor am Gymnasium in Gotha, Wiegleb ging 1701 als Pfarrer an die Gemeinde in Glaucha.