VII. Schriften zur Lebensführung

Was die Sache selbst betrifft / ob das heut zu Tage übliche Tantzen an sich selbst und schlechterdings Sünde sey? So bin ich allerdings mit den Autoribus dieser beyden Schrillten darinnen einig / daß man anders nicht / als mit ja darauf antworten könne. Wenn gefraget würde / ob die Bewegung und Stellungen des Leibes an sich selbst sündlich wären? So könte mit nein geantwortet werden. Denn wenn solche nicht von einer bösen Beschaffenheit des Gemüths begleitet werden / kan und wil man sie niemanden zur Sünde machen. Weil aber vom heutiges Tages weltüblichen Tantzen gefraget wird / dessen famosior significatus (vornehmste Bedeutung) das weltliche Springen nach einer weltlichen Music bedeutet / weil man in der heiligen Schrifft nur von einem geistlichen Tantze / nemlich des Davids / weiß / heute zu Tag aber von gar keinem / wohl aber viele Michal 4 oder Spötter sich finden würden / wenn ein gläubiges Kind GOttes sich von der Freude des Geistes zu solchem Davids-Tantz bewegen ließe / und man die Antwort nach dem Sinn des fragenden richten muß / so muß mit ja geantwortet werden / und läst sich nicht vom Davids-Tantz etwas excipiren / denn vor sich offenbahr ist / daß von solcher geistlichen Freuden-Be- wegung die Frage nicht sey; Sondern von dem gewöhnlichen Tantzen / so heutiges Tages auf Hochzeiten und bey andern Gelagen vorgehet / und dazu junge Leute pflegen angewiesen und unterrichtet zu werden. Ich habe mit Fleiß gefraget / (a4 a ) ob das heut zu Tag übliche Tantzen an sich und schlechterdings Sünde sey? Dieweil man wohl eine Speculation machen kan / wie das Tantzen ohne sündliche Umbstände seyn möge / aber so / wie es würcklich und in praxi ist / es von sündlichen Umb- ständen keines Weges separiret werden kan; Und dann auch das Tantzen nicht allein Predigern eine Sünde ist / von denen es sonst billig heißt: Quod aliis est peccatum veniale, id Clerico est peccatum mortale, d. i. was andern eine erläßliche Sünde ist / das ist einem Prediger eine Tod-Sünde / welche freylich ihr gantzes heiliges Amt damit prostituiren: Sondern es ist auch allen ohne Unterschied sündlich / und soll von allen / die gläubige Kinder GOttes heißen wollen / vermieden werden.

Meine Ursachen also vom Tantzen zu halten sind diese:

I. Die Grund-Regul alles unsers Thuns ist; Ihr esset oder trincket / oder was ihr thut / so thut es alles zu GOttes Ehre / 1. Cor. X. 5 6 Dawider streitet nun das Tantzen / dadurch GOttes Ehre von keinem Verständigen gesuchet werden kan / sondern es wird nur dabey die Lust des Fleisches erfüllet oder gesuchet. Darumb ist das Tantzen nicht eine Christliche / sondern eine irrdische und heydnische Handlung. Man wird auch das keinem Verständigen bereden / daß sich die Welt da umb GOttes Ehre bekümmere / wenn sie sich zum Tantz aufspielen lässet.

II. Die andere Grund-Regel Christlicher Handlungen ist / daß man die weltliche Lüste verleugnen solle / 8 d. i. man solle nichts mehr davon wollen hören und wissen. Nun ists einem ieden verständigen Menschen offenbar / daß das Tantzen für nichts anders als eine Welt-Lust geschätzet werden kan. Denn man auch nicht siehet / daß fromme Kinder GOttes / die einigen Buß-Kampff geschmecket haben / eine Freude und Vergnügung darinnen finden/sondern die Welt /die im Argen lieget/und sonder­lich die rohe ungebrochene Jugend suchet ihre Lust darinnen / welche sich durch die heilsame Gnade GOttes noch nie haben züchtigen und leitenlassen /Tit. II. vers. 11.12. Darumb soll man das Tantzen nebst andern (a 4 b ) Welt-Lüsten verleugnen / ja wo der Tag der heilsamen Gnade Gottes im Hertzen recht anbricht / da siehet der

1 Vgl. 2. Sam. 6,14 ff.

5 1. Kor. 10,31.

6 Vgl. Tit. 2,12.