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VII. Schriften zur Lebensführung
VI. Was ein Christ timt und fürnimmt / das muß Warheit seyn / d. i. etwas rechtschaffenes / gewisses / beständiges / dessen Frucht nicht vergehe / sondern ewig bleibe. Denn durch CHristum JEsum ist nicht allein Gnade / sondern auch Warheit worden / Joh. 1,17. Und wir sind gelehret / daß in Christo JEsu Warheit oder ein rechtschaffen Wesen sey / Eph. IV,21. Die Welt erkennet den Unterscheid nicht / der zwischen dem ist / der GOTT dienet / und dem der ihm nicht (b l b ) dienet; (Mal. III, 18.) Aber ein erleuchteter Christ siehet diesen Unterscheid / welcher auch darinnen bestehet / daß was ein Welt-Kind thut / weil es nicht aus der Warheit kommet / so ist es auch nicht Warheit / und kan nicht bleiben / noch einige wahre Frucht in die Ewigkeit bringen / denn es heist: Die Welt vergehet mit ihrer Lust / 1. Joh. 11,17. Ja es bringet ihm noch dazu das Verderben / denn wer auffs Fleisch säet / der wird vom Fleisch das Verderben ernden / Gal. VI,8. Ein Kind GOttes aber ist aus der Warheit / und thut die Warheit / er wircket Speise / die nicht vergänglich ist / sondern die ins ewige Leben bleibet / Joh. VI,27. seine Frucht bleibet / (Joh. XV. v. 16.) ja seine Blätter verwelcken nicht / (Ps. 1,3.) und seine Wercke folgen ihm nach; (Off. Joh. XIV, 13.) Er achtet die Eitelkeiten dieser Welt viel zu unwehrt / seine Seele damit zu beschäfftigen / dieweil er in denen allen gar keine Warheit finden kan / und wenn sich die Welt mit Fragen träget: Ob man auch tantzen / spielen / in Comoedien gehen / und andere dergleichen Dinge thun dürffe? So antwortet er ihm gar leichtlich selbst: Das will ich thun / was ich in CHristo JEsu und in diesem allerheiligsten Namen thun kan / dessen Frucht mir nicht vergehe / sondern ewiglich bleibe / und das ich in der ewigen Herrlichkeit für GOtt wieder zu finden gedencke. Denn ein Christ ist zu edel etwas zu thun / darinnen er wie ein Vieh verderbe / (2. Pet. II, 12. Jud. v. 17.) Und ob ich etwas anders thun dörffte / so wolte ich meinem Erlöser / der die Warheit ist / die Schmach nicht anthun / daß ich als sein Gliedmaß etwas thun solte / mit wissen und willen / das nicht Warheit wäre / nachdem er mich von dem eiteln Wandel mit seinem Blut erlöset hat / 1. Pet. 1.18. O du arme Welt / daß du einen Blick in diese Warheit thun möchtest / wie würdest du so bald des eiteln Tantzens vergessen! (Besiehe hievon die Schrifft von Gnade und Warheit.) 8
VII. Wem es ein rechter Ernst ist / sein Christenthum zu führen / der muß nicht allein die Sünde meyden / sondern muß sich auch vor der Gelegenheit zu sündigen hüten. Denn wer die Gelegenheit meydet / der meydet die Sünde selbst / wer sich aber selbst in die Gelegenheit zu sündigen begiebet / der hat damit schon wider GOTT gesündiget. (b 2 a ) Judas befiehlet / wir sollen .auch den befleckten Rock des Fleisches hassen. 9 Nun gibt man einem jeden verständigen Menschen zu bedencken / ob nicht bey dem Tantzen die gröste Gelegenheit zu sündigen sey? Unsere menschliche Schwachheit ist uns ja allen wohl bekant / die man auch wohl zur Entschuldigung seiner Sünden gebrauchet: Was kan aber bey solcher menschlichen Schwachheit mehr zu sündigen reitzen / als wenn Manns- und Weibs-Bilder sich also mit allerley Gebehrden / Stellungen des Leibes / Umarmungen etc. begegnen. Da will denn die Welt Engelrein seyn / und von keiner bösen Lust etwas wißen; Sölten sie aber ihres Hertzens Grund bekennen / so würden sie (wo sie anders denselben jemals erforschet) nicht leugnen können / daß die Lüste des Fleisches nicht wenig dadurch bey ihnen erwecket werden. Lernet auch einer in seiner Jugend tantzen / und
8 Die Schrift erschien als Anhang zu Franckes „Verantwortung Gegen die so genandte Beschreibung des Unfugs der Pietisten“, Halle 1694 und im gleichen Jahr auch als Einzeldruck unter dem Titel „Betrachtung von Gnade und Wahrheit“. Francke hat sie später mehrfach in überarbeiteter Form herausgegeben.
9 Jud. 23.