7. Vom weltüblichen Tanzen, 1697

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tantzet / so lange als ers lernet / alleine / so ists ihm doch nachgehends eine Gelegen­heit zu vieler Sünde / Eitelkeit und Thorheit; Und Werdens diejenigen Eltern vor GOtt zu verantworten haben / welche ihre Kinder zu solchen Eitelkeiten erziehen. Itzt düncket ihnen solches ein alberes Pfaffen-Geschwätz zu seyn / aber sie Werdens dermaleins anders erkennen. Gesetzt auch / daß einer das Tantzen ihm selbst für keine Gelegenheit zu sündigen erkennete / wie kan er wißen / ob er nicht dem andern Theil / damit er tantzet / Gelegenheit / wo nicht äußerlich / doch innerlich zu sündigen giebet? Was treibet einen denn für Noth dazu / daß man sich selbst in solche Gefahr zu sündigen begehe / und das Fleisch selbst errege / welches man creutzigen soll? Wie kan das mit einem rechtschaffenen Ernst im Christenthum / und mit der Furcht GOttes bestehen? Wie kan man sich hernach mit der menschlichen Schwachheit entschuldigen / wenn man selbst Gelegenheit zur Geilheit und Fleisches-Lust gege­ben? So machts die tolle Welt: Treibet man sie an zu einem heiligen und GOtt- seligem Wandel / so ists lauter menschliche Schwachheit; Will man sie aber von ihrer weltlichen Eitelkeit abführen / so wollen sie starcke Helden seyn / die bey aller Gelegenheit zu sündigen sich doch wohl für der Sünde zu hüten wißen / und keine sündliche Reitzungen und böse Lüste empfinden. Eine greuliche Heucheley aber ist es / wenn die Welt das Tantzen defendiret, daß sie da von allen sündlichen Umb- ständen zu abstrahiren weiß / und in der Speculation einen (b 2 b ) solchen Tantz vorstellet / dabey man nichts als Christliche Zucht und Erbarkeit sehe / da sie doch selbst wohl wißen / daß nicht allein die gemeinen Bauren-Täntze / sondern auch die Staats- und Ehren-Täntze nicht so beschaffen seyn / wie sie es in solcher Speculation vorstellen. Wenn man vom Tantzen redet / so muß man davon reden / wie es in Schwange ist.

VIII. Will man behaupten / daß das Tantzen zuläßig sey / so muß man auch sagen / wem es zuläßig und keine Sünde sey? Sinds die rohen Welt-Kinder? Denen ist alles Sünde / auch ihr gehen und stehen / auch ihr Essen und Trincken. Denn alles was nicht aus dem Glauben gehet / das ist Sünde / Rom. XIV,23. Den Ungläubigen und Unreinen ist nichts rein / sondern unrein ist beyde ihr Sinn und Gewissen / Tit. 1,15. Es ist gar ein falscher Grund / wenn sich die Welt-Kinder mit indifferenten Dingen trösten wollen. An sich selbst kan wohl eine Sache indifferent, oder weder gut noch böse seyn; Aber wenn man sie ansiehet / wie sie nun auch würcklich von einer Per­sohn geschiehet / so ist sie entweder böse / wenn die Persohn böse ist / oder gut / wenn die Persohn gut ist. Wer diese Warheit auch nur äußerlich erkennet / der weiß dann auch auffs allergewißeste / daß denen Welt-Kindern das Tantzen allerdings Sünde sey / als welche auch dabey nichts anders als ihre weltlichen Lüste hegen und aus­üben. So bleibet dann die Frage nur noch von Gläubigen und wahren Kindern GOttes. Solche hätten dann wohl nöthiger zu fragen / wie sie gegen den Teuffel und die Sünde recht kämpffen sollen / als ob sie tantzen dürffen? Wann sie aber fragen / so muß man mit nein antworten. Denn solche sind entweder schwache oder starcke.

Sind sie schwach / also daß ihnen die Überwindung des Teufels / der Welt und ihres eigenen Fleisches schwer wird / wäre denn das nicht die gröste Unbesonnen­heit / daß man ihm selbst solche Überwindung noch schwerer machen / und sich selbst in die Gefahr überwunden zu werden geben wolte? Wollen Anfänger im Chri­stenthum / d. i. diejenigen / welche anfangen ihr Christenthum mit rechtem Ernst zu führen / sich nicht warnen lassen / daß sie sich für dergleichen von der Welt so genante indifferente Dinge hüten sollen / so werden sie wohl bleiben unter denen / die immer lernen / und nimmer zur Erkäntniß der Warheit kom(b 3 a )men / 2. Tim. III.7. Es sind mir einige Exempel bekant von solchen Leuten / die einen ernstlichen Anfang gemachet GOtt zu dienen / und gemeynet / sie hätten sich darüber kein Gewissen 26 U Peschke, Prancke-Werke