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Nachwort
Statt dessen fordert Francke eine konsequente Konzentration der Theologie auf die Bibel. Der dogmatischen Überlieferung erkennt er nur einen historischen, zeitbedingten Wert zu. Die Bibel soll der einzige Maßstab sein, an dem jede Theologie, aber auch jedes kirchliche Bekenntnis geprüft werden muß.
Es ist kein Zweifel, daß dem Biblizismus Franckes ein stark subjektiver Faktor eigen ist, der dadurch, daß er sich von den Fesseln der historischen Tradition frei macht, einer eigenwilligen Interpretation der Schrift Raum gibt, damit aber auch zugleich die Voraussetzungen für ein gegenwartsnahes Verständnis des christlichen Glaubens schafft.
Die Auswirkungen der biblischen Theologie Franckes traten bald in der kirchlichen Praxis zutage. Francke hat dafür gesorgt, daß die Bibel in weite Kreise des Volkes kam. Der Gansteinschen Bibelanstalt gebührt hier insbesondere der Dank der evangelischen Christenheit. In zahlreichen Übersetzungen wurde die Bibel in wohlfeilen Ausgaben in viele Länder versandt. Bibel- und Erbauungsstunden gehören seit jener Zeit zum festen Bestand kirchlicher Arbeit. Es wurde der evangelischen Christenheit bewußt, daß das Wort Gottes das einzige Mittel ist, die Menschen für Christus zu gewinnen.
Francke unterscheidet zwischen Schale und Kern, Innerem und Äußerem der Schrift und dementsprechend zwischen Wissen und Weisheit, Wissenschaft und Frömmigkeit. Wissenschaft und Frömmigkeit sind für ihn keine einander ausschließenden Gegensätze. Sie stehen vielmehr in einem positiven Verhältnis zueinander und bilden eine organische Einheit. Die philologisch-historische Beschäftigung mit der Schrift ist eine notwendige Voraussetzung für die Erkenntnis ihrer verborgenen Wahrheit. Dabei ist aber stets zu beachten, daß es nicht auf die Schale, die historische Hülle der Schrift, sondern auf ihren Kern, die verborgene Weisheit ankommt. Man darf deshalb die wissenschaftliche Arbeit niemals überschätzen, sondern muß ihr den Wert zumessen, der ihr zukommt.
Francke hat den Schale-Kern-Gedanken wiederholt durch den Zweckbegriff ergänzt und modifiziert. Dadurch hat er der Ausrichtung der Wissenschaft auf die Frömmigkeit einen finalen Akzent verliehen. Er betont ausdrücklich, daß die Bibel keinen anderen Zweck als die Pflege der Frömmigkeit verfolge. Man werde ihr erst gerecht, wenn man sich diesen Zweck selbst zu eigen mache. Erziehung und Bildung, Predigt und Seelsorge müssen also dem Zweck der Schrift, der Frömmigkeit dienen. Francke ist deshalb auch nicht an einer rein intellektuellen, historischen Kenntnis der biblischen Wahrheiten oder an der bloßen Zustimmung zum Glaubensbekenntnis interessiert. Er fragt stets nach dem praktischen Zweck und Nutzen.
Die zweckbestimmte Ausrichtung des ganzen Menschen auf die Frömmigkeit hat Francke auch mit dem Begriff der Applikation umschrieben. Die objektiven biblischen Glaubenswahrheiten werden unbetont vorausgesetzt, das Schwergewicht fällt aber auf die subjektive Aneignung des Heils im persönlichen Glauben. Die frommen Affekte, von denen die biblischen Autoren bei der Niederschrift ihrer Werke erfüllt waren, müssen auch in uns zur Entfaltung kommen. Die wahren Christen stehen der Heiligen Schrift nicht in sachlicher, unbeteiligter Distanz gegenüber, sondern wissen sich ihr existentiell verbunden. An die Stelle bloßer Wissensaneignung tritt eine gegenwartsnahe persönliche Applikation. Dem Ziel einer solchen subjektiven Aneignung des Heils dienen der tägliche Bußruf, das Gebet und die Anfechtungen. Denselben Zweck verfolgen auch alle theologischen Vorlesungen und Predigten.
Unter diesem Gesichtspunkt richtet Francke die gesamte theologische Arbeit auf die Pflege der praktischen Frömmigkeit aus. Die Wissenschaft bekommt ihren eigentlichen Wert erst durch ihren Nutzen für die Praxis. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen zweckbestimmt realisiert werden und der Praxis dienen. Francke will keine nur theoretisch gebildeten Philologen, Historiker und Dogmatiker, sondern lebensnahe Theologen erziehen, die zwar über eine gute wissenschaftliche Ausbildung verfügen, aber das Hauptziel ihrer Arbeit in der Förderung einer aktiven praktischen Frömmigkeit sehen.