Nachwort
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Mit dem für seine Theologie bestimmenden Ordnungsgedanken verbindet Francke die Idee vom Gegensatz zwischen den Kindern Gottes und den Kindern der Welt. An der von Gott gewollten Ordnung scheiden sich die Menschen in zwei Gruppen. Die einen unterwerfen sich dieser Ordnung, die anderen mißachten sie. So kommt es zu einem harten Gegensatz, der letztlich auf der Feindschaft zwischen Gott und dem Satan, Christus und dem Antichrist beruht. Dieser Gegensatz wird von Francke als religiöses Prinzip verstanden, das sich durch die ganze Schrift zieht und an zahlreichen Beispielen der biblischen Geschichte veranschaulicht werden kann.
Die Idee des Gegensatzes bestimmt auch die Ethik Franckes, die insbesondere in der Frage der sogenannten Mitteldinge den heftigen Widerspruch seiner Gegner ausgelöst hat. Francke kennt keine neutrale Sphäre, die dem Einfluß Gottes oder des Satans entnommen wäre. Im Sinne einer solchen Ganzheitsbetrachtung kann er sagen, daß bei den Kindern der Welt das ganze Denken und Handeln Sünde sei, während die Kinder Gottes alles zur Ehre ihres Herrn tun. Wenn er aber konkret auf die Mitteldinge, d. h. auf die weltlichen Lustbarkeiten, auf den Tanz, das Theater, das Spiel, den Tabakgenuß usw., zu sprechen kommt, stellt er die Forderung, daß sich die Kinder Gottes dieser weltlichen Dinge enthalten müßten, weil sie sonst in Gefahr geraten würden, unter dem Vorwand einer vermeintlichen Freiheit Knechte der Sünde zu werden. Durch diese Gedankenführung wird der Ganzheitsidee die Spitze genommen. Die irdisch-sinnliche Wirklichkeit, insbesondere die Leiblichkeit des Menschen, wird im mystisch-spiritualistischen Sinn als starke Komponente für die Entfaltung der Sünde verstanden. Die radikale Forderung, alle Mitteldinge zu meiden, mußte aber zu einer Verdrängung der von Gott geschaffenen Lebenskräfte führen und der persönlichen freien Entwicklung des Menschen widernatürliche Schranken setzen.
Unter dem Einfluß der Idee des Gegensatzes steht auch die Geschichtsanschauung Franckes, deren wichtigste Faktoren die Verfallsidee und der Gedanke von den Zeugen der Wahrheit sind. Die Kinder der Welt repräsentieren die reich und mächtig gewordene Kirche, die von Christus abgefallen ist und den Weg seiner Nachfolge verlassen hat. Die Kinder Gottes dagegen sind die Glieder der wahren Kirche, die in den Zeiten des kirchlichen Verfalls nur von einigen Zeugen der Wahrheit vertreten wurde. Zu ihnen rechnet Francke insbesondere die Mystiker des Mittelalters, dann Männer wie Wiclef, Hus und Petrus Waldus, Luther und nach ihm vor allem Johann Arnd, den Verfasser der „Vier Bücher vom wahren Christentum“. Die Zeugen der Wahrheit waren stets nur eine Minorität, die von den Kindern der Welt verfolgt wurde.
Dadurch, daß Francke nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die lutherische Orthodoxie zur verweltlichten Christenheit zählte und die entschiedenen Pietisten mit den Kindern Gottes, das übrige Kirchenvolk dagegen mit den Kindern der Welt gleichsetzte, haben die Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern eine Note unversöhnlicher Härte bekommen. Der Gedanke, daß sich die Kernchristen durch wahrnehmbare Kennzeichen von allen anderen Christen unterscheiden, hat schließlich den Kirchenbegriff Franckes dem Ideal donatistischer Heiligungsgemeinschaften angenähert.
Francke hat universale Reformpläne entwickelt, die eine reale Verbesserung in der ganzen Welt zum Ziel haben. Es sind Pläne von ökumenischer Weite, die alle dem hallischen Pietismus verfügbaren Kräfte übersteigen. Ihre theologische Voraussetzung ist der antiprädestinatianische Glaube an den allgemeinen Liebeswillen Gottes. Francke betont ausdrücklich, daß Christus für die Sünde aller Menschen gestorben sei. Deshalb müsse die Gnade Gottes auch allen Menschen angeboten werden. Der Bußruf muß an die ganze Menschheit ergehen.
Zur Realisierung des göttlichen Liebeswillens kann es aber nur kommen, wenn sich die Menschen der Ordnung Gottes unterwerfen. Eine reale Verbesserung ist also nur durch Bekehrung möglich. Es ist Francke deshalb nicht um eine nominelle Gewinnung anderer Völker für das lutherische Christentum zu tun. Es geht ihm vielmehr