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Nachwort
darum, die Menschen durch eine reale Bekehrung zur praktischen Nachfolge Christi zu erziehen und aktive Werkzeuge Gottes heranzubilden. Real sind die Fußstapfen Gottes im Leben eines Menschen, real sind die täglichen Erfahrungen seiner Gnade.
Aber Francke ist ein gläubiger Realist, der sowohl mit Gott und seinem gnädigen Handeln am Menschen als auch mit den irdischen Gegebenheiten als festen Realitäten rechnet. Deshalb hat er ein konkretes Erziehungs- und Bildungsprogramm entfaltet, das dem Verfall in allen Ständen entgegenwirken soll. Seine Anstalten und die Universität in Halle sollen mit Hilfe neuer, auf die Praxis ausgerichteter Erziehungsmethoden eine reale Verbesserung fördern. Um sein Erziehungswerk erfolgreich durchführen zu können, ruft er zur Mitarbeit und Unterstützung der hallischen Werke auf.
Francke hat an seinen weltweiten Plänen stets festgehalten, er weiß aber zwischen Utopie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Er macht nicht den zweiten Schritt vor dem ersten. Er hält sich besonnen von allen Unternehmungen zurück, die sich noch nicht realisieren lassen. In der Heimat müssen erst die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirken in der Ferne geschaffen werden. Ein Mitarbeiter Gottes muß erst zu einer echten Frömmigkeit erzogen werden und über eine gute wissenschaftliche Bildung verfügen. Mit diesem Ziel vollzieht Francke, beginnend mit den geringsten Mitteln, in gewissenhafter Kleinarbeit, sachlich, nüchtern und ohne Illusion ein gewaltiges Erziehungswerk, das ein Markstein nicht nur in der Geschichte der Pädagogik, sondern auch in der Geschichte der Kirche und des ökumenischen Denkens ist.
III.
Francke ist davon überzeugt, daß er sich mit seinem Denken und Handeln in der rechten Nachfolge Luthers befindet. Er beruft sich häufig auf ihn und führt zahlreiche Lutherzitate an, aus denen ersichtlich ist, daß er sich in die Werke des Reformators vertieft hat. Die orthodoxen Lutheraner haben seine Berufung auf Luther aber nicht anerkannt und ihm vorgeworfen, daß er die evangelische Lehre entstellt habe. Tatsächlich sind auch die Besonderheiten, die Franckes Anschauungen von der Theologie Luthers unterscheiden, nicht zu übersehen. Sie sind sowohl durch die Eigenart individueller Gestaltung als auch durch mehrere Faktoren verschiedener historischer Herkunft bedingt.
An erster Stelle ist die von Francke so hart bekämpfte lutherische Orthodoxie selbst zu nennen. In Anlehnung an Melanchthon und unter Aufnahme aristotelischer Elemente, in scholastisch-dialektischer Entfaltung und in sich selbst stark differenziert, hat sie der Normaltheologie der lutherischen Kirche jener Zeit das Gepräge gegeben. Ohne die kontinuierliche, schulisch bedingte Bindung an die lutherische Tradition ist auch die Theologie Franckes nicht zu denken. Er hat an lutherischen Fakultäten studiert. Unter seinen theologischen Lehrern waren angesehene Vertreter des Luthertums. Er hat die wissenschaftlichen Werke gelesen, die zum Rüstzeug eines lutherischen Theologen gehörten. Und obwohl er gegen das intellektualistische System der Orthodoxie heftigen Protest erhebt, geht er doch auf ihre Fragestellung ein und übernimmt in seinen akademischen Abhandlungen weithin ihren differenzierten Begriffsapparat, der zu einer Aufspaltung des urwüchsigen, unmittelbar empfundenen Glaubensgutes Luthers geführt hatte. Das orthodoxe Gedankengefüge bildet also unverkennbar den Hintergrund der Theologie Franckes.
Ein wichtiger Faktor für die Gestaltung seiner Gedankenwelt ist ferner die Mystik des 17. Jahrhunderts. Francke hat in frühester Jugend Johann Arnds Bücher vom wahren C hristentum kennengelernt, die für seine Anschauungen und damit auch für sein Lutherverständnis von entscheidender Bedeutung geworden sind. Er hat später Arnds Bücher empfohlen und zahlreich ins Ausland versandt. Mit den Werken Arnds aber strömten mystische Ideen in das Luthertum ein, die zu einer Trübung des lutherischen Gedankengutes geführt haben. Unter diesem Blickwinkel, von Arnd her, geht nun auch Francke an die Lektüre der Schriften Luthers heran. Von hier aus