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Häupten, statt ihr durch Glauben an Jesum Statigkeit zu geben, wurde ich müde und fast gegen Alles fühllos. —
„Ost bewundern mich die Menschen und das freuet Mich; aber ich verabscheue diese Freude. Ich sehe ein großes Werk vor mir, nämlich, meinen verkehrten Willen zu bekämpfen und abzulödten. Was bin ich, daß ich mich unterfangen sollte, meinen eignen Willen zu thun, selbst wenn ich nicht ein Sünder wäre; — nun aber, wie klar, wie vernunftgemäß, daß die Liebe Christi mich zwinge, sein treuer, williger Diener zu seyn, freudig sein Kreuz auf mich nehmend, das er mir bestimmen wird.
„Herr Zesu, wache über mich in der trügerischen Unbesorgtheit! Bewahre mich vor der Schlafsucht, damit sie nicht in Tod übergehe. Nur unendliche Gnade kann mich retten. Was mich aber am meisten schmerzt, ist, daß ich bei der Betrachtung meiner selbst nicht genug gedemüthigt bin. Möge Gott mir einen demüthigen, zerschlagenen, kindlichen und liebevollen Sinn schenken und Bereitwilligkeit, für seinen Dienst immer meine Gemächlichkeit hinzugeben. —
„Je weniger wir thun, desto höher schlagen wir daS Wenige an. Theurer Heiland, ich nehme mir vor, nicht mehr lau zu seyn, sondern in der Nähe Gottes zu wandeln, todt für die Welt zu seyn und nach der Zukunft Christi mich zu sehnen. Der größte Feind, den ich fürchte, ist meines Herzens Stolz."
Wohl hatte Martyn recht, wenn er den Stolz und Eigendünkel als die gefährlichsten Feinde des menschlichen Herzens und als die größten Hindernisse der Selbsterkcnnt- niß und somit auch der Selbstbesserung und Veredlung betrachtete, und Heil ihm, daß er dies erkannte und sich selbst sagte — wie beschämend und mahnend für so Viele, die, weit trager und weit weniger streng gegen sich selbst, doch so selbstzufrieden sind, ja die wohl oft mit dem Pharisäer sagen: ich danke dir Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, statt mit dem Zöllner demüthig an die Brust zu schlagen und zu beten: Gott! sey mir Sünder gnädig! —
Als er bald darauf die feierliche Weihe zum Prediger des Evangeliums und Diener des göttlichen Wortes erhielt, konnte er mit Wahrheit, der Vorschrift gemäß, sagen: er sey innerlich angeregt vom heiligen Geist, dieses Amt auf sich zu nehmen zum Dienste Gottes, zur Beförderung seines