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zu; aber es that Martyn weh, daß doch die Wahrheit keinen tiefen, lebendigen Eindruck auf sein Herz zu machen schien, und er sah wohl, daß es weit schwerer sey, einen Muhamedancr, zumal einen gebildeten, und auf seine ver­meinte Bildung stolzen, selbstgefälligen, wie der Nabob war, für die einfache Wahrheit des Evangeliums und für das demüthige Selbstbekenntniß der eigenen Sündhaftigkeit und Verwerflichkeit zu gewinnen; als den unwissenden, rohen Heiden, der seine Schlechtigkeit erkennt und das Bedürfniß der göttlichen Gnade lebhaft empfindet.

Es ist schon bemerkt worden, daß Martyn unter den eigenen Landsleutcn, unter den sogenannten Christen, eben so wenig Theilnahme und einen eben so argen Eigendünkel fand, als unter den Muhamedanern. Widerwartiger noch waren ihm die Gleichgültigen und Ungläubigen, als die Abergläubigen, im Papstthum Befangenen, ja er gesteht offen, daß die Disciplin in der römisch-katholischen Kirche weit besser sey, als bei den Protestanten. In einen hef­tigen Wortwechsel geriet!) er einst mit einem katholischen Pater, als er behauptete, die Anbetung der Maria und der Heiligen sey ein Götzendienst. Das wollte freilich der Pater nicht einräumen, Und als Hauptbcweis gegen die protestantische Kirche führte er den Unglauben und die Re­ligionsverachtung an, die er bei den Protestanten wahrge­nommen habe, was leider Martyn nicht in Abrede stellen und nur erwiedern konnte, daß jene Ungläubigen keine achten Glieder der evangelischen Kirche, ja überhaupt gar keine wahren Christen seyen. Der Pater, übrigens ein ernster, anspruchloser junger Mann, schien es wirklich ausrichtig zu meinen mit Dem, was er sagte, und darum konnte ihm Martyn seine Achtung nicht versagen und er war ihm mit Recht weit lieber, als jene Gleichgültigen, Ungläubigen, die sich Protestanten nennen, oder doch als Mitglieder der evangelischen Kirche gelten wollen, insofern mit dieser Gel­tung gewisse äußere Vortheile verbunden sind. Diese Men­schen würden eben so leichtsinnig sich zum Islam, oder zum Buddhismus äußerlich bekennen, wenn es gerade ihr vermeinter Vortheil erforderte, und von Religion im höhern Sinne kann eigentlich bei ihnen gar nicht die Rede seyn. Solche fand nun Martyn nicht wenige in seiner Umgebung, und man kann denken, wie schmerzlich