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Was ist doch das höchste Gut des Lebens? Martyn sagte: Die Liebe Gottes. Auf die Frage, welches die schlimmsten Menschen seyen? erwiderte er: Die ihre Pflicht kennen und sie nicht thun.

Das persische Volk ist nach Martyns Versicherung kraftig und verständig'und hat mehr Anlage, groß und mächtig zu werden, als irgend eines von den übrigen Völkern des Morgenlandes; aber es seufzt unter der Tyrannei seiner Machthaber und es fehlt ihm das Beste die wahre Religion und eine gute Regierung. Am fernsten von Gott und dem Christenthums scheinen die Sophi's/ in ihrem stolzen Dünkel, zu seyn. Sie sind, sagt Martyn, da sie sich für Weise hielten, zu Narren ge­worden, und das galt und gilt leider noch auch von so Manchen, die sich mit selbstgefälliger Miene Philosophen nennen. Ohne Demuth keine Selbsterkenntnis; und keine Gottesfurcht, und ohne Selbster­kenntniß keine Buße und keine Besserung, und ohne diese keine Hoffnung auf Begna­digung, kein Friede und keine Seligkeit.

Die neue, verbesserte Ueber setzung des neuen Testaments, an welcher Martyn mit Seid Ali immer fleißig sortgearbeitet hatte, war indeß schon ziemlich weit gediehen, und er ließ zwei Abschriften mit möglichster Eleganz ver­fertigen, um sie dem Schach und seinem Sohne, dem Kronprinzen, zu überreichen. Da er der baldigen Vollen­dung jenes Werkes entgegensehen konnte, so begann er eine andere nicht weniger nützliche und für ihn selbst segensreiche Arbeit, nämlich eine Uebersetzung der Psalmen ins Per­sische, wobei er den hebräischen Gcundtert auf das Sorg­fältigste ins Auge faßte, um ihn möglichst treu wieder zu geben. So fühlte er bei dieser Arbeit zugleich sein Gemüth erhoben und beseligt.

Den Anfang des nächsten Zahres, 1812, wo er allen Drangsalen und Kümmernissen hienieden entnommen werden und zum höhern Leben eingehen sollte, bezeichnet er in seinem Tagebuche mit folgenden Worten, die eine Ahnung seines nahen Todes zu enthalten scheinen, zugleich aber seinem Gott ergebenen, demüthigen Sinn wiederholt bezeugen: Das vergangene Jahr ist für mich in mehreren Bezie­hungen ein merkwürdiges Jahr gewesen. Ich bin in