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demselben durch Umstände, welche ich als eine besondere Schickung Gottes zu betrachten Ursache habe, hierher geführt worden, und habe eine wichtige Arbeit unternommen, die ich ohne wesentliche Unterbrechung fortführen durfte und nun beinahe vollendet sehe. Ich sehe es gern, wenn ich mich auf einem Wege, den ich weder erwarten, noch vorhersehen konnte, nützlich beschäftigen darf, besonders wenn durch das mir angewiesene Werk mein eigner Wille auf irgend eine Weise gebrochen wird; denn dann hab' ich Ursache, zu glauben, daß Gott seine Hand darin hat. Das neue Jahr wird, wie es mir scheint, gefahrlich für mich werden; aber an meinem Leben ist wenig gelegen. Mit Mitleiden und Scham sehe ich auf mich selbst zurück, wie ich ehemals einen Werth auf mein Leben und meine Arbeit legen wollte. Je mehr ich mein Werk betrachte, desto mehr muß ich mich desselben schämen. Ich vertiere allen Muth, wenn ich auf Menschen, auf menschliche Weisheit und Kraft mein Auge richte, und mich erhebt nur der Gedanke, daß wir eine Stadt haben, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist." —
Folgendes Gespräch, das Martyn, bald nachdem er diese Worte niedergeschrieben, mit zwei gelehrten Muhame- danern hatte, stellt den Gegensatz der Unwissenheit eines natürlich-blinden und der Erkenntniß eines von dem göttlichen Lichte erleuchteten Menschen in ein Helles Licht. Was hat denn Christus gelehrt — fragte der Eine — das man nicht zuvor schon gewußt hätte? Liebe zu Gott, Demuth — wer weiß das nicht? War dieß, erwiderte Martyn, trotz aller Philosophie der Griechen und Römer, schon vor Christus unter diesen Völkern bekannt? und wie dem auch seyn mag — Christus ist nicht sowohl gekommen, um zu lehren, als um zu sterben für die Sünder und sie zum Vater zu führen und zu beseligen. Kommt her zu mir — sagt er — Alle, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Auf die Frage, wie Martyn das verstehe, wenn er gesagt habe, daß er an seiner Seligkeit nicht zweifle, erklärte er: Obgleich der Keim der Sünde noch in ihm sey, so sey er doch versichert, daß sie nicht wieder