2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
137
Gerichtes / welches über den Aergernüssen schwebet / auch unwissend schuldig machen. Wie dann dieses hätte oben §. 5. gar füglich mögen mit beygefüget werden / aber umb deswillen in besondere Erwegung gezogen worden / weil es hierinnen so gar vielfältig pfleget versehen zu werden / und fast zum wenigsten advertiret wird. Wer sich aber hierinnen gebührend in acht nehmen will / mag wohl Zusehen / was er thut oder fürnimmt in der Kinder Gegenwart / und wohl bedencken / was Christus saget: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht des Vaters im Himmel Matth. XVIII. 27 Daher sie wohl schließen mögen / daß auch das geringste Aergernüß denen Kindern gegeben / vor dem Angesichte des HErrn nicht verborgen seyn werde.
XII.
IIX. Hiernechst ist zu mercken / daß insonderheit drey Tugenden seynd / welche man vor allen suchen muß denen Kindern bey noch zarten Jahren einzupflantzen / so sie anders zu einer gründlichen und beständigen GOttseligkeit sollen angeführet werden / nemlich: Liehe zur Wahrheit / Gehorsam und Fleiß. Da denn die entgegengesetzte Laster zugleich mit eben so grossem Ernst werden vermieden werden / nemlich Lügen / Eigen-Wille und Müssig-gang. Durch die Liebe zur Wahrheit / wird das Hertze auffrichtig und redlich auch frey und offen gegen Jedermann / und schämet sich mit heimlich und falschen Tücken umbzugehen. Durch den hertzlichen Gehorsam wird die Herrschafft des eigenen Willens und Fürwitzes niedergeleget / und das Hertz immer mehr und mehr erniedriget und demütig gemacht / auch zu einer ungeheu- chelten Bescheidenheit und Freundligkeit angewiesen. (132*) Durch den Fleiß wird eine Beständigkeit in allen Dingen / und eine Daurhafftigkeit erlanget / und das Gemüth frühzeitig aus der groben Unwissenheit und Unerfahrenheit heraus gerissen.
Die Liebe zur Wahrheit wird bey den Kindern eingepflantzet (1) wann mann ihnen alles Lügen als eine grausame Sünde / und des Satans vornehmste Eigenschafft / der ein Lügner ist von Anfang / und solches in seine Kinder einpflantzet / fürstellet / und durch solche öfftere Fürstellung einen Abscheu vor solches Laster bey ihnen erwecket / hingegen ihnen zeiget / daß GOtt ein GOtt der Wahrheit seye / und allen Lügen so feind sey / daß sich keiner sein Kind nennen dürffe / er liebe denn die Wahrheit / und wie man umb deßwillen von der Wahrheit nicht weichen dürffe / und wann es einem gleich das Leben kosten solte etc.
(2) Wann man sich hütet / daß die Kinder keine Mährlein und andere Fratzen von denen alten Weibern oder Gesinde anhören / wodurch die Kinder gleichsam mit Fleiß zum Lügen gewehnet werden. Noch schädlicher aber ist es / wann die Kinder mercken / daß Eltern oder Praeceptores eine Noth- und Ehren-Lügen für keine oder doch geringe Sünde achten / e. g. wann die Kinder Bescheid sagen müssen / Vater / Mutter oder Informator seyen nicht zu Hause / seyen hie und dahin gegangen etc. da die Kinder es doch besser wissen / werden sich die Kinder nicht auch bald geweh- nen / solchen Lügen-Geistern zufolgen? Sehr schädlich ist es auch / wann man denen Kindern eine Liebe zu den Comoedien / Possen-Spielen / Romainen oder Liebes- Geschichten / politischen Maul-Affen / und anderer Narren-Theidung / damit man heutzu Tage die Welt betrogen hat / erwecket / oder wann sie darauff fallen / ihnen solche nicht schleunig und mit einem ernsten Verweiß entziehet. Wie bald werden sie anfahen / solche Dinge als einen Schatz zu aestimiren / und viel lieber darinnen zulesen / als in der heiligen Schrifft selbst. Wann nun darzu kommt / daß geistliche Dinge unter einer solchen Larve verstecket werden / wird ihnen bald das theure
27 Matth. 18,10.