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darauf, daß man demüthig vor Gott seine Sünden be­kennen und allein auf die göttliche Gnade in Jesu Christo vertrauen solle. Nicht das Elend, sagte er, an sich macht selig; aber der wahre Sitz der Gnade ist das Elend. Er selbst war ein Muster der Demuth, der Mäßigkeit und Entsagung und jeglicher christlichen Tugend, und so war es kein Wunder, daß man ihn zum Heiligen machte, obgleich er selbst gewiß weit davon entfernt war, dies zu wünschen oder zu billigen. So erweckte Gott mitten unter dem verderbten Geschlechte Manner, die mit kräftiger Stimme die Sünder zur Buße ermähnten und an das Eine, was noth ist zur Seligkeit, nachdrücklich erinnerten, und die durch ihren christlichen Wandel um so mehr ein helleuchtendes Vorbild für die Andern wurden, je höher der Staudpunct war, auf den sie Gott gestellt hatte.

Neben den genannten ausgezeichneten Männern aber Kursen wir eines andern wackern ManneS nicht vergessen, der um dieselbe Zeit im zwölften Jahrhundert und in denselben Gegenden, als ein Zeuge und Verkündiger des Evangeliums auftrat, obwohl mehr im Stillen und Verborgenen wirkend nämlich Peter Waldus, ein reicher Kaufmann zu Lyon in Frankreich. Er wurde, wie erzählt wird, durch den plötzlichen Tod eines Freundes dazu bewogen, den irdischen Geschäften, die er bisher ge­trieben hatre, zu entsagen, sein Vermögen unter die Armen zu vertheilen, und sich ganz der Erforschung der göttlichen Wahrheit zu widmen, die er denn auch Andern mitzu­theilen eifrig bestrebt war. Er ließ, zunächst zu seinem Gebrauch, die vier Evangelisten Ins Französische übersetzen, und es bildete sich so eine kleine Gemeine, welche in Lehre und Leben den ersten Christen ähnlich zu werden suchte. Viele schlössen sich nach und nach an; man nannte sie Walde nser. Sie wurden, wie jene, welche sie sich zum Vorbilde gewählt hatten, angefeindet und verfolgt, und vom Papste in den Bann gethan; viele wurden lebendig verbrannt. Aber eben diese Verfolgungen bewirkten, daß sie sich nach allen Seiten hin zerstreuten, und in Deutsch­land, am Rhein, in der Schweiz, in Ungarn, Kroatien und Dalmatien, und besonders zahlreich in Böhmen Gemeinen gründeten. In dem zuletzt ge­nannten Lande, wohin sich auch Peter Waldus geflüchtet