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Merkwürdig war es ihm, daß man gerade eine.ver­lassene Pagode für ihn zum Wohnhause eingerichtet hatte^ und daß so derselbe Ort, wo man früher den Abgöttern gedient hatte, jetzt zum christlichen Vethaus und Tempel geworden war.

Das ostindische ungewohnte Klima wirkte so nachtheilig auf Martyn, daß er, ungeachtet seiner großen Mäßigkeit und aller Vorsicht, doch, bald nach seiner Ankunft, gefähr­lich erkrankte. Doch auch diefe Gefahr überstand er mit Gottes Hülfe, der ihn zu einem Werkzeug seiner Gnade auscrsehen hatte.

Seine erste Predigt in Calcutta hielt er über die apostolischen Worte: Wir aber predigen den gekreu­zigten Christum, den Juden ein Aergerniß und den Griechen eine Thorheit; denen aber, die berufen sind, beides Juden uud Griechen, pre­digen wir Christum, göttliche Kraft und gött­liche Weisheit. Aber auch hier machte er dieselbe schmerz­liche Erfahrung, wie schon vordem auf dem Schisse. Viele mochten die ernsten Worte der Ermahnung nicht hören, nicht an ihr eignes Verderben und ihre Schwäche erinnert werden. Ja, Manche mochten nicht einmal von der gött­lichen Gnade etwas wissen selbstgefällige, verblendete Thoren, die ihre eigne Tugend zur Schau trugen und damit vor dem Höchsten bestehen zu können meinten. Ich erinnere mich hierbei der Erzählung eines alten Predigers, der einst in seinen jüngern Jahren, als er selbst schon ganz die Wahrheit erkannt zu haben meinte, einen alten,, ein­fachen, aber gottcsfürchtigen Landmann fragte, was er denn wohl für das Schwerste im Christenthum? halte, und, als dieser bescheiden die Beantwortung der Fragte dem Prediger selbst überließ, erklärte, daß Schwerste sey wohl gewiß die Verleugnung des eignen sündhaften Selbst. Da habe der alte Landmann gemeint, schwer sey das allerdings; aber es gäbe doch wohl etwas noch Schwereres nämlich die Verleugnung des eig­nen tugendlichen Selbst. Und der alte Mann hatte Recht, sagte der Prediger nichts kommt uns sauerer an, als das wenige Gute, was wir etwa noch haben, und was Andere an uns finden und preisen, in wahrer Herzensdemuth, als das zuerkennen, was es wirklich ist, nämlich als etwas