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menschlichen Wissens aus; ließ eS aber doch dem bearbeiteten Gebiete auch nicht an Tiefe fehlen. Er war einer von den Wenigen, deren Urtheilsvcrmögen eben so wenig von der Einbildungskraft, als diese von jenem beeinträchtigt wird; beide hatten hei ihm ihren vollen Spielraum und gehörten, jedes in seiner Art, zu den Kräften vom ersten Nange. Als Mathematiker stand er augenscheinlich über j«den Andern von gleichem Alter, und dennoch, wenn man blos seine Beschäftigung in den freiern Stunden der Abspannung gekannt hätte, hätte man schließen können, daß der Geschmack an den Klassikern und Dichtern bei ihm vorherrsche. Diese Geistesvorzüge aber, so vortrefflich sie auch waren, verlieren sich in dem Glänze jener christlichen Gnadengabcn, durch welche er leuchtete als ein Licht vor den Leuten, haltend ob dem Worte deS Lebens. Es war in seinem Glauben eine ganz besondere kindliche Einsalt; darum war auch seine Glaubenskrast im Gehorsam gegen Christum sowohl, als im Leiden um seines Namens willen so groß. Durch sie konnte er den Stab grünen sehen, der dem natürlichen Auge dürre schien, und in Begebnissen, die Anfangs ein friedliches Ansehen hatten, konnte er das freundliche und gnädige Antlitz erkennen.
Wie er einmal jene das Herz durchdringende und erschütternde Frage seines Heilandes: Liebst Du mich? vernommen hatte, übte er auch seine Liebe feurig gegen Gott und Menschen, zu allen Zeiten und an allen Orten. Denn sie war nicht wie jene erkünstelten Bäche, die eine Zeit lang reißend fließen und dann versiegen — sie glich dem Brunnen, der im ununterbrochenen Flusse aus dem innersten Felsen hervorquillt. Größere Gottesfurcht, Gewissenhaftigkeit und Wachsamkeit über das eigne Herz, als die seinige, ist in diesem Stande der sündigen Gebrechlichkeit kaum zu erreichen. Seine Demuth aber ist es, die wir am meisten bewundern müssen — sie war gleichsam der Grundfaden, aus dem das Gewebe seiner Frömmigkeit bestand, und alle seine übrigen christlichen Gnadengaben waren so innig damit verbunden, daß durch sie sein ganzes Benehmen erhöht und geziert wurde. Die Vereinigung und Zusammenstimmung so vieler christlichen Vorzüge war es eigentlich, was an Martyn so sehr bemerkbar wurde. Das Ebenmaß, welches die Gestalt Christi in ihm