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erreicht hatte, war eben so wunderbar, als die Höh« der­selben. Die Gemeinschaft, in der er mit Gott lebte, und die ihren Widerschein über sein Antlitz verbreitete, war immer, wie die eines ehrwürdigen Patriarchen, von der tiefsten Ehrerbietung geregelt. Je naher ihm der Zugang zu Gott gestattet wurde, desto lebhafter fühlte er es, daß er nur Erde und Asche sey.

Er konnte keinen Widerstreit zwischen Friede und Buße entdecken, keinen feindlichen Gegensatz zwischen dec Freude in Gott und der tiefsten Erniedrigung vor ihm, und wahrlich! in dieser sowohl, als in jeder andern Hin­sicht Halle er vollkommen den Geist seiner Kirche eingeath­met, die in ihrem Gottesdienst, mitten unter den erhebend­sten Lobgesängcn, ihre Glieder zur Beugung vor ihrem Erlöser mit den Worten der Demuth aufruft: Habe Barm­herzigkeit mit uns, Du, der Du der Welt Sünde trägst!

Eifrig seyn ohne Liebe, oder Das, was fälschlich Liebe heißt, besitzen, und doch keine Entschiedenheit des Charakters haben, ist weder schwer, noch ungewöhnlich. MartynS Eiser wurde durch Liebe geleitet und seine Liebe wiederum durch Eifer gekräftigt. So verband er auch Wärme mit Klugheit, Ernst mit Heiterkeit, Zurückgezogenheit von der Welt mit dem Genusse erlaubter Vergnügungen. Seine zarte Gewissenhaftigkeit war frei von Bedenklichkeit und Unentschlossenheit, seine Thätigkeit in guten Werken vereint mit ernstem Nachdenken, seine religiösen Liebesverbindungen, in denen eine hohe Geistigkeit waltete, wurden in den Schranken der besonnensten Nüchternheit gehalten, und, weit entfernt, den Empfindungen natürlicher Zuneigung Abbruch zu thun, wurden diefe dadurch nur erhöht und geheiligt. Manche aufrichtige Diener Christi bemühen sich, den Himmel zu gewinnen, haben aber doch keine freudige Hoffnung des endlichen Erfolgs. Manche Leichtsinnige rechnen zuversichtlich auf ihre Erlösung, und ringen doch nichl, daß sie zur engen Pforte eingehen.

Martyn aber konnte mit dem Apostel sagen: Wir sind getrost allezeit; darum fleißigen wirnS auch. Nebst einer Versicherung seiner endlichen und ewigen Glück­seligkeit H.Ute er aber auch die Furcht vor dem Zurückweichen und Verlieren dessen, was er gewirkt. Er wußte es, daß der Weg zum Himmel schmal sey und enge die Pforte

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