mus und— wie nicht anders zu erwarten— der Heuchelei zusammenfinden— in Erwartung eines segensvollen Zuspruches von oben und der eigenen Wiedergeburt zur neuen Kreatur,
„Frau Seuffzerin: Nun hören sie! Nach meiner Meynung ist die Wiedergeburth, die Urständung des wahren Bildnisses der edlen Perle, die aus dem Magischen Seelenfeuer gebohren, und in den ewigen Sabbath eingeführet wird. Oder, wenn ichs noch deutlicher geben soll: Sie ist eine himmlische Tinctur, wodurch die neue Seele das vegetabilische Leben der vier Elementen wegwirfft, und die Magische Seele als eine Gottheit in seiner Gleichheit nach dem Modell der Weisheit in alle Dinge einbildet. Das ist eine klare Erklärung! damit wird man allen Theologis das Maul stopffen können.“?
Noch im Augenblick des Todes, das will Thomas Abbt (1738-1766), 1756 Student der Philosophie und der Mathematik in Halle, in Leben und Charakter Alexander Gottlieb Baumgartens(1763/65) glauben machen, bleibt der Pietist auf der Bühne: Er kann vom Heucheln nicht lassen. Eine der Ausgabe von 1780 beigegebene Anmerkung aus einem unveröffentlichten Brief Abbts an einen vertrauten Freund berichtet vom Tod des Halleschen Theologen Siegmund Jakob Baumgarten, der seine letzte Rolle bei offenen Türen und vor Publikum gespielt habe:
„Es ist hart, Sterbende, Todte zu beschuldigen. Aber, ich habe die beiden Baumgarten immer für Leute gehalten, die den fatalen theologischen Geist, der in dem härinen[!] Hemde Bannstralen schleudert, und mit der einen Hand eine Laus zerknickt, indem er sich die andere küssen lässt, — die diesen Geist im höchstem Grade besessen.[...]. Der Hallische Baumgarten starb auch bey offenen Thüren(Huis ouverts); die Leute liefen zu, und sahen ihn sterben. Kann ein solcher Mann je die Maske aus der Hand lassen?“?
Während die Gegner den pietistischen Habitus als kalkulierte Rundum-Inszenierung entlarven wollten, reklamierten die Pietisten für sich die Übereinstimmung von Glauben und Handeln im Zeichen der Aufrichtigkeit. In seiner Entdeckung der gewissenlosen Verdrehung aus dem Jahr 1732 exemplifiziert Johann Conrad Dippel dieses Aufrichtigsein an einem delikaten Detail:
PIETISMUS— FRISIERT UND UNFRISIERT
Luise Adelgunde Victorie Gottsched, geb. Kulmus, Schabkunst von Johann Jacob Haid(Stecher). Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt: Porträtsammlung:€ 4099
„Dann selbst zu Halle im Waysen=Hauß wird gerauchet, und, wie ich höre, von einigen Dienern recht excessive. Der seel. Herr Professor Franck[!] selbst hat wegen seiner Gesundheit in seinem Zimmer geraucht, und sein jetziger Nachfolger, der junge Herr Professor Franck, rauchet auch inter parietes privatos, doch keiner so verborgen, dass man nicht sollte erfahren und wissen, dass von ihnen gerauchet wird, Daß sie also versichert glauben, das Rauchen selbst seye vor Gott keine Sünde; sondern hierinnen nur ein fingirtes decorum in Acht nehmen, nach welchem man sich einbildet, diese Handlung seye vielen anstößig[...].“*
Ob Baumgarten auch geraucht hat, das aber für ihn, anders als bei August Hermann Francke, eher schädlich war, ist unbekannt. Das Verhalten des rauchenden Waisenhauses jedenfalls ruht der festen Überzeugung auf: Rauchen ist vor Gott keine Sünde, weil es dem Erhalt der Ge