RAUM 6 FRANCKES IMAGEPOLITIK

Tonpfeiffenfragmente, 18. Jahrhundert, Bodenfunde aus dem Gelände der Franckeschen Stiftungen. Halle, Franckesche Stiftungen

sundheit dient. Rauchen sei kein Genuss, sondern Medizin, schreibt Dippel, der wegen seines eigenen Tabakgebrauchs und einer schon allein deshalb anstößigen Lebensführung angegriffen worden war. Mit Vater und Sohn Francke als Autoritäten ließ sich diese Formpietistischer Genusskul­tur freilich rechtfertigen. Gemessen am versicherten Glauben an die heilende Wirkung erweist sich das nur auf gesellschaftlicher Übereinkunft basierende decorum, es sei anstößig zu rauchen, als ‚fingiert, als ‚Einbildung, der ein Kind Gottes keine normierende Kraft für sein Verhalten zugestehen sollte.'®

3.Das hallische Waisen=Haus war ein trüber See, dessen Opfer zahllos waren- Abgesänge auf die Institution Der in Halle institutionalisierte kirchlich-lutherische Pie­tismus erfreute sich unter Zeitgenossen und Nachgebore­nen einer ambivalenten Wertschätzung. Enthusiasmiert schrieb der pietismusaffıne empfindsame Dichter und Tu­gendlehrer Christian Fürchtegott Gellert(1715-1769) in sei­nen Unvollständigen Nachrichten aus meinem Leben(1757/58): Das Waysenhaus in Halle scheint mir nach seinem Ur­sprunge ein heimlicher Beweis der göttl. Vorsehung und ein Wunder unsers Jahrhunderts zu seyn. Man sage von dem alten Dr. Francken, was man wolle; ich richte ihn

N

nach seinen Worten und Werken und halte ihn für ein göttliches Genie unter den Christen. Ich möchte dieser fromme und wohlthätige Mann, auch nur menschlich zu wünschen, schon deswegen gewesen seyn, um das Große des Vertrauens auf die göttliche Vorsorge, und das Ver­gnügen geschmeckt zu haben; dieses Vertraun so wun­derbar erfüllt zu sehen.[...] Der Stifter einer Monarchie und der Stifter des Hallischen Waysenhauses und Pädagogii seyn; beides vergleichen wollen wird der Welt schön Thor­heit scheinen und dem letzten den Vorzug vor dem ersten in Ansehung der Würde und der Größe, die dazu gehört, doppelt und zehnfach einräumen; dieses wird den Großen Unsinn zu seyn scheinen. Gleichwohl ist die Probe oder der Beweis meines Satzes leicht: Man lege sich auf das Todbette an den Pfordten des Grabes, und wünsche! als­dann wird man erfahren, ob es ein übertriebner Gedancke, und was dem Herzen grösser ist.

Einen ganz anderen, herabgestimmten Blick auf das Waisenhaus als Brutstätte des Bösen erlaubt das zwischen 1783 und 1793 veröffentlichte Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, das mit zahlreichen Fallbeispielen aus der Spätzeit des Hal­leschen Pietismus aufwartet. Ein besonderes Augenmerk gilt der pietistischen Pädagogik, die so muss das Resümee angesichts der Beiträge im Magazin lauten selbst noch zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Zöglinge bricht, um sie zu kirchlichen oder staatlichen Funktionsträgern zu formen. Die von Francke geforderte Brechung des verderbten Ei­genwillens tritt hier als Brechung des Körpers durch dra­konische Züchtigung in Erscheinung. Es sind nicht nur die Praeceptoren und Inspektoren, die prügeln, auch unterei­nander stehen die Schüler auf Kriegsfuß. Vor allem die mehrteiligen Stücke Etwas aus Robert G...s Lebensgeschichte oder die Folgen einer unzweckmäßigen öffentlichen Schulerziehung und Schack Fluurs Jugendgeschichte entwerfen anhand der überfordernden Pädagogik Franckes ein dramatisches Bild von den Zuständen in den Stiftungen unter den Direktoren Gotthilf August Francke(der sich hinter dem hierFrosch Genannten zu verbergen scheint) und Johann Georg Knapp. An einem der Waisenhausinspektoren wird neben den Vorwürfen des Nepotismus und des Despotismus scharf die Heuchelei deutlich gemacht: