ja hat ihr angenommen, deswegen kan er eher u testo beherzter
etwas vornehmen, daß der welt nicht reputirlich oder schuldig
zu sein vorkömt. – – Mosc. den 11 9br. 97.
 
Er aber lies aus seinem hizzigen Sinn folgendes in die feder
fließen u antwortet mir also:
WohlEhrenVester u Wohlgelahrter etc
Mein insonders vielgeEhrter Herr, u von Herzen Werther
Freund in Christo.
Sein liebwerthes u von liebe gegen mich zeugendes Schreiben –
habe zu recht empfangen u mit gebührender aufmerkung –
verlesen, nehme auch alles im Guten u mit liebe auf. Wiewohl
ich etwa wünschen möchte, daß deßen, vieleicht nur seine Ermah-
nungen dadurch angenehmer zumachen, mir gegebenes lob in
Christo, mit größerer Volkommenheit warhaftig an mir zu finden
were, alß meine mir gnugsam bekante schwachheit mir zuläßet
zu glauben. Der Herr Unser Gott wolle indeßen nach dem
Reichthum seiner Güte die wohlgemeinten wünsche an mir u auch an
Ihm in dem seiner weißheit wohlgefälligen maas erfüllen um
Christi willen. Amen! Waß aber Mein Werther Herr u Fr.
von den wiederwärtigen judiciis der menschen über den Zustand
meiner unglükl. Ehe zu erinnern beliebet, ist eine sache die mir
längst bekant auch schon lange zuvor von mir eingesehen u vor-
bedacht ist, alß der ich warlich so viel mich u mein Verhalten in die-
sem handel betrift, nicht gleich gewesen bin einem mande, der
einen thurm bauen wil u die Kosten nicht zuvor überschläget, son-
dern versichere Mhr. daß ich es mir alles noch viel ärger eingebil-
det habe, alß es bishero durch Gottes Gnade bewandt ist, weiß auch
die stunde gar wohl daß es ins künftige noch ärger werden könne,
dafern das Göttl. Verhengnis nicht vor mein bestes sorget. Denn
mir genugsam bekannt ist, wie leicht ärgernißen kommen, u wie
die menschen sich ins gemein lieber an andern ärgern, alß sich
selbst beßern, auch wie leichtfertig man nach dem triebe natürl.