vernunft sei, andern ohn allen beruf in gar nicht gnug erkanten
u auch nichts angehenden sachen zu urtheilen, das nötige selbst richten
aber dabei zu verabseumen. Und ist eben die große furcht gewe-
sen, die mich vor dem iederzeit geängstet u beweget hat das zu leiden,
was ich zuleiden nicht schuldig war, auch ohne diese furcht nie zu leiden
mich würde bequemet haben, ja das mich auch zu denen gedanken
gebracht hatte, mich meinem Amte nach ehemahligen übereilten ver-
nehmen zuentziehen, damit ich mich solchen wohlvorgesehenen lieblo-
sen u ungerathen judiciis entreißen, u von dero eine unerträglich
geachteten Verdrüßligkeiten mich selbst befreien möchte: Weil ich
zwar Gott lob nicht hoffärtig bin, sondern auch ein Kind u einen gar
schwachen in Christo hochachten gelernet habe, stets bedenkend, daß er
vieleicht ein nüzlicher werkzeug der Gnade Gottes u ein liebes Kind
des himl. Vaters sein möge, alß ich, habe auch den applausam vulgi mein
lebtage so hoch nicht geachtet, daß ich denselben zuerhalten, mich solte
befließen haben; Gleichwohl aber habe ich meine Ehre u guten Nahmen
allezeit aufs höchste geliebet, u (ich muß nur diese schwacheit be-
kennen) zwar mehr alß Gott, weil ich üm deßen erhaltung wohl
gethan oder gelaßen habe, was sonst blos üm Gottes willen vieleicht
were verseumet worden, sind mir auch alle trübsahlen iederzeit
geringe gewesen, außer dieser einzigen, daß mein guter Nahme
vor der leute Zungen solte gefahr leiden, in verachtung der welt noch
nicht so weit gefördert, daß ich mit Paulo von herzen hette sagen dürfen:
Es ist mir ein geringes, daß ich von Euch gerichtet werde: Bis es Gotte,
der aus Uns menschen macht hat zumachen, was ihm beliebet, gefallen
hat, mich durch diese wiederwärtigkeit einer stets ohn aufhören
boßhaftigen Ehegattin an diesem meinem zartesten orte anzugrei-
fen, mir daran zuzeigen, wie wenig der menschen Gutes oder böses
urtheil samt aller ihrer nachrede zu achten sei, indem ich erfahre wie
leichtfertig es alles sei, u nur nach dem triebe des bloßen dünkels
oder euserl. scheines ohn grund so wohl das Gute alß das böse von ie-
manden rede u richte, nicht nachdem einer gut oder böse, sondern
nachdem einer glükl. oder unglükl. ist. Dadurch ich denn